Es
war der Tag des Eröffnungsspiels. Deutschland hatte gerade 4:2
gegen Costa Rica gewonnen. Klar: Die Party konnte beginnen. Also
nichts wie raus auf den Marienplatz.
Doch was den Fan dort erwartete, konnte niemand ahnen. Anhänger
aus allen 32 teilnehmenden Nationen sangen, tanzten, lachten,
sprangen. Umarmten sich. Tauschten Trikots. Schwenkten gemeinsam
ihre Fahnen.
Da tanzten ein Amerikaner Arm in Arm mit einem Fan aus dem Iran.
Da lachten Anhänger aus Saudi-Arabien gemeinsam mit Tunesiern.
Holländer und Deutsche lagen sich in den Armen. So etwas hat
die Welt noch nicht gesehen.
Und es waren nicht nur die teilnehmenden Nationen, die ihren Spaß
hatten. Türken tanzten mit, Kanadier hatten sich brasilianische
Fahnen umgebunden, Österreicher sangen die Schweizer
Nationalhymne.
"Time to make friends" - so lautete der internationale
Slogan der WM. Allein an diesem ersten Abend habe ich ungefähr
1000 Freunde gefunden. Dieser Moment war ergreifender als alles,
was auf dem Fußballfeld passierte
Vielleicht
wird diese letzte Minute von Dortmund irgendwann zu einer Episode
schrumpfen. Zu einem singulären Höhepunkt in den Gruppenspielen
der deutschen Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft 2006.
Zu einem wunderbaren Moment, der sich selbst genug war, aber nicht
mehr, allmählich überlagert von Triumphen anderer Teams und
eigenen Enttäuschungen.
Vielleicht
aber wird man schon in wenigen Wochen auch ganz anders über diese
Momente elementarer Wucht sprechen, die sich nach dem 1:0 von
Oliver Neuville gegen Polen entluden, in ihnen ein Zeichen
entdecken und sagen, dass in der Nachspielzeit von Dortmund etwas
außergewöhnliches passiert sei.
Dass
eine Mannschaft in diesen Augenblicken endgültig zu sich selbst
und zu ihrem Publikum gefunden habe, und dass dies der Anfang
einer wunderbaren Deutschlandreise gewesen sei. Die Szenen, die
sich auf dem Rasen zutrugen, legten jedenfalls die Vermutung nahe,
dass der Treffer bei den Spielern und ihrem Bundestrainer eine
bisher nicht gekannte Energie zum Vorschein brachte. Eine Energie,
von der sie einfach nicht glauben wollen, daß sie schon im
Achtelfinale aufgebraucht sein könnte
In
der Schlussminute in Dortmund verdichtete sich Klinsmanns Projekt
2006 in einer dramaturgisch perfekten Weise, so daß man meinen könnte,
der Bundestrainer komme nicht aus Huntington Beach, sondern direkt
aus Hollywood.
Zunächst
segelte wieder eine der zahllosen Flanken in den polnischen
Strafraum, und Miroslav Klose bugsierte den Ball mehr mit der
Schulter als mit dem Kopf in Richtung Tor. Der Ball landete an der
Latte und der Nachschuss von Michael Ballack krachte fast an die
gleiche Stelle. Der Nachschuss von Odonkor ging ins Tor, aber es
war Abseits. Das Stadion schrie und stöhnte auf, und nun, nach
diesen vergebenen Möglichkeiten, glaubte kaum mehr jemand daran,
daß sich die Mannschaft noch einmal aufraffen könnte. Ein halbes
Dutzend Chancen hatte sie schon zuvor vergeben, Klose und Lukas
Podolski die größten, aber auch Tim Borowski und der grandiose
Philipp Lahm.
Bis
der zum rechten Verteidiger umfunktionierte Bernd Schneider dann
in der Nachspielzeit den Ball auf Odonkor spielte, der Dortmunder
Sprinter eine herrliche Flanke auf Neuville schlug - und der
Gladbacher all den vagen Hoffnungen und skeptisch beäugten
Reformen den entscheidenden Schuss Glaubwürdigkeit hinzufügte.
Die
Zuschauer konnten einfach nicht genug bekommen von ihrer
Nationalmannschaft. Nach einer dreiviertel Ehrenrunde hatten die
Party-Gastgeber nach vielen stimmungsvollen Minuten den Ausgang zu
den Katakomben des Olympiastadions gerade erreicht, da forderte
auch die vergessene Kurve lautstark ihren Anteil an der deutschen
Feierstunde. Die Mannschaft machte unverzüglich auf dem Absatz
kehrt und beglückte auch noch den letzten Rest des Publikums mit
einer geschlossenen Mannschaftsverneigung.
Drei
Spiele, drei Siege - die Nationalelf beendete die WM-Vorrunde
optimal und bescherte ihren Fans als Zugabe am Ende sogar noch ein
weiteres kleines Fußballfest. Im zweifachen Torschützen Miroslav
Klose (4. und 44. Minute) besitzen die Deutschen einen Torjäger
von internationaler Klasse und konnte sich mit Bernd Schneider
zudem an einem äußerst spielklugen Gestalter auf der rechten
Seite erfreuen. Den dritten Treffer erzielte zur Feier des Tages
Lukas Podolski (57.), der sich damit endlich sein Erfolgserlebnis
bei der WM ermöglichte.
Der
deutsche Fußball, ein Gedicht. Lang, lang ist's her, dass Sturm
und Drang mit Deutschland, der Heimat der Rumpelfüßler, in
Verbindung gebracht wurden. In München aber schien es, als wäre
die Mannschaft durch ein unsichtbares Kabel direkt an das
Kraftfeld der Fans im Stadion und den deutschen Städten
angeschlossen. Der Stolz und die Freude auf dieses kleine
Wunderwerk standen den Machern in München ins Gesicht
geschrieben.
Selbst
Jürgen Klinsmanns Vorgänger mussten nach dieser Renaissance
deutscher Fußballfaszination beim 2:0 gegen Schweden, die sich in
zwei Toren von Lukas Podolski (4. und 12. Minute), einem
riesenhaften Auftritts Miroslav Kloses sowie eines unbändigen,
kollektiven Draufgängertums ausdrückte, tief im Gedächtnis
kramen, um entsprechende Vorlagen in der Vergangenheit aufzustöbern.
„Ich
habe selten eine so starke deutsche Mannschaft gesehen, vor allem
in der ersten Halbzeit“, sagte Franz Beckenbauer, den seine
Flitterstunden gleich wieder auf den Fußballplatz geführt
hatten, über die nicht nur bessere, sondern beste Hälfte des
deutschen Fußballs seit etlichen Jahren. Berti Vogts schwärmte
wie so viele andere nach den rauschhaften Momenten gleich in
internationalen Dimensionen von einem Auftritt des neuen
Deutschland. „In den letzten fünf, sechs Jahren gab es keine
Mannschaft, die so gut gespielt hat wie unsere heute in den ersten
45 Minuten. Es hätte auch 5:0, 6:0 stehen können“, sagte
Vogts. „Das letzte Mal haben wir so was 1990 beim 4:1 gegen
Jugoslawien erlebt - und da wurden wir Weltmeister“, sagte Rudi
Völler. Und neben den Fußballgrößen von einst schrieb auch
Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass der Nationalmannschaft
am Samstag einen herrlichen Satz ins Fußball-Stammbuch: „Die
ersten 25 Minuten sind unvergesslich, ich finde Klinsmanns Fußball
wunderbar.“
19.38
Uhr: Poldi rein. Dreieins. Rodriguez. Dreizwei. Das war knapp.
Borowski kommt. Vierzwei. "Langt da eigentlich ein Tor
Unterschied?" fragt einer. Oh Mann. Cambiasso. Nix. Aus.
Gewonnen. Weiter. Halbfinale. Extaaaaaaaaaaaase!
19.42
Uhr: Damen und Herren, was für ein Tag! Argentinien besiegt.
Im Elferschießen. Lehmann hält zwei Elfer. Kahn klatscht ihn ab,
umarmt ihn. Großes Kino.
19.50
Uhr: Fazit, ihr Lieben. Vorher waren wir mit den Nerven
runter. Mittendrin waren wir mit den Nerven runter. Danach sind
wir mit den Nerven runter. Was ist eigentlich passiert? Passiert
ist eine Zitterpartie, die uns um Jahre altern ließ - in 120
Minuten plus Elfmeterschießen, äh Verlängerung, wenn es nach
dem ARD-Kommentator geht. Offen gestanden: Die deutsche Mannschaft
hat es verdient, weiterzukommen.
Sagen wir so: Nach und nach sind mit jedem neuen Spiel andere
Mannschaftsteile ins Rampenlicht gerückt. Heute war es der
Torwart - und die Abwehr, die sich nichts hat zuschulden kommen
lassen. Wir hier sind allerdings diesen Anstrengungen kaum noch
gewachsen. Woher sollen wir denn auch wissen, welcher
Mannschaftsteil sich diesmal profilieren wird?
Dickes Kompliment an die deutsche Mannschaft. Wir hier brauchen
jetzt ein wenig Zeit, unsere Akkus wieder aufzuladen. Mann, sind
wir fertig!
„Regnet
es?“, fragt Julia, eine Freundin meiner Tochter, als ich sie und
zwei andere Mädchen um kurz nach Mitternacht abhole von der
S-Bahn. Deutschland ist gerade ausgeschieden, es sind die Minuten
nach dem Italien-Spiel.
Nein, natürlich regnet es nicht. Es war jetzt fast vier Wochen
lang durchgehend schön in Deutschland, das noch vor kurzem ein
Wintermärchen war. So schön, dass die Mädchen im Spaghettiträger-Top
vom public viewing kommen und gar nicht frieren. Es ist die Fahne,
die knattert und ein wenig so klingt wie Regenklopfen, die ans
Fenster klopfen. Weißes Plastik, billiger Stoff, made in China.
In der Scheibe der rechten Beifahrertüre ist sie eingeklemmt in
unserm Zweitwagen, den meistens meine Älteste fährt.
Hätte ich sie gesehen, ich hätte sie vielleicht abgenommen. Aber
es war dunkel in der Garage, als ich den Wagen herausgeholt habe.
Und so fahre ich durch unser Dorf mit seinen langen Straßen mit
wehender Fahne, ein bisschen traurig, aber auch – nun ja: stolz
auf dieses Land, das sich wenigstens als Fußballnation aus der
Depression gespielt hat. Und lasse die Fahne knattern.
Auf
unserer Tribüne ziemlich viel Jungvolk in Landesfarben an allen
erdenklichen Körperstellen und Fahnen, die Bekleidung ersetzen.
Sie skandieren: "Stuttgart ist viel schöner als
Berlin." Wir müssen übrigens schon unsere Plätze
verteidigen. Es wird ja langsam voll hier. Dem Krach nach zu
urteilen, ist es schon voll.
Deutschland ist ... Weltmeister ... der Herzen. Haben die
herzerfrischend gespielt! Nicht nur heute, sondern immer während
des Turniers - auch gegen Italien. Mal sehen, was die Südländer
morgen bringen. Jedenfalls ist die Stimmung im Lande
weltmeisterlich. Hätten Sie, Hand aufs Herz, hätten Sie das vor
vier Wochen gedacht? Nein. Eben. See ya, bestimmt nicht bis zur nächsten
WM. Versprochen.
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Und
zum Schluss noch ein absolutes Gänsehaut-Feeling-Video über die WM
2006
(Video von ABC/ESPN -
Amerikaner können vielleicht nicht Fußball spielen,
aber sie können wirklich geile Videos machen ...)